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Der Dorn im Auge 1°

 

 

Der Dorn im Auge

Zwiegespräche über den taxonomischen Missbrauch in Bezug auf den Artbegriff

 

Es ist heutzutage umso wichtiger, sich der notwendigen, gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Wissenschaft und Philosophie und der Überwindbarkeit jeglicher philosophischen Meinung bewusst zu werden …

Bruno de Finetti, Die Erfindung der Wahrheit, Triest 1934

 


- Meine liebe MARIA, ich akzeptiere es durchwegs, dass du deine geliebten Pflanzen mit Spitznamen und Kosenamen benennst, doch kannst du von mir nicht erwarten, dass ich dann verstehe, welche Pflanze gerade vergilbt oder dir sonst Sorgen bereitet, wenn du sie immer „mein Bündelchen“ nennst.
Ich könnte dir viel eher passende Pflegehinweise geben, wenn du mir mindestens die botanische Familie oder Gattung nennen könntest, der die Pflanze angehört. Und bitte, verlange nicht von mir, dass ich dich besuche; zur Zeit bin ich viel zu weit weg!

 

- Ich verstehe, es ist immer die alte Geschichte. Du verlangst von mir, dass ich unaussprechliche Namen auswendig lerne und sobald ich sie endlich gelernt habe, dann kommt ein Besserwisser her und ändert sie wieder; dann sind Namen, die gestern noch gültig waren, heute auf einmal falsch.

 

- Ja meine Liebe, da hast du nicht ganz Unrecht!
Normalerweise wird eine taxonomische oder nomenklatorische Änderung mit Beweisführungen begründet, die auf neuen Daten beruhen oder zumindest auf ein neues System, dessen Kriterien von den Autoren erläutert werden. Aber leider ist es nicht immer so.

 

- Also LUCIO, da wären wir wieder soweit, jetzt fängst du wieder mit großen Worten an und ich tue mich schwer, dir zu folgen!

 

- Ich versuche es dir mit einem Beispiel zu erklären. Du wirst dich bestimmt erinnern, dass Turbinicarpus jauernigii von FRANK im Artrang beschrieben wurde und dass kurz darauf ZANOVELLO und BATTAIA eine Umkombinierung in Turbinicarpus lophophoroides ssp. jauernigii vorgenommen haben und ihn somit als Unterart behandelt haben. In diesem Fall begründeten sie die Umkombinierung (die Änderung des Namens und des Status) damit, dass T. jauernigii in seiner Entwicklung vom Sämling zum erwachsenen Exemplar, nicht nur die Morphologie des Körpers und der Wurzel, sondern auch jene der Areolen und der Dornen mit T. lophophoroides teilte. Zusätzlich war die geografische Verbreitung der beiden Taxa nahe. In dieser Umkombinierung wurden also bestimmte Ähnlichkeiten bevorzugt, die lauten: Die beiden Pflanzen haben einen gemeinsamen Vorfahr, der den beiden ähnlich sieht und zeitlich nicht all zu weit entfernt ist. In der Folge (einige Jahre später) - du wirst dich daran erinnern - kam DONATI im Zuge seiner Revision der Gattung Turbinicarpus zum Schluss, dass es trotz der nahen Verwandtschaft übertrieben erschien, die beiden Pflanzen als gleichartig zu betrachten. Diese These wurde auch von DONATI und ZANOVELLO in ihrem Buch Rapicactus und Turbinicarpus übernommen. Auch in diesem Falle wurden die Gründe dieser Entscheidung ausdrücklich dargelegt. Die erste war eine voreilige Umkombinierung, hatte aber den unbestrittenen Verdienst, die Aufmerksamkeit auf die „Jugendphasen“ zu lenken, deren Wichtigkeit auch im Ausland immer mehr anerkannt wird. Dann kommt noch die Wiedereinsetzung von T. jauernigii in dem Artrang. Wie du siehst, hat der Rangwechsel zuerst zu einer trinomischen Bezeichnung geführt, die dann wieder zu einer binomischen zurückgekehrt ist. Manchmal muss die binomische Bezeichnung aus Gründen, die nicht unbedingt mit der Botanik zusammenhängen, sondern vom Internationalen Code der Botanischen Nomenklatur (ICBN) vorgegeben werden, abgeändert werden. Das sind aber nicht so interessante, fast langweilige Beweggründe, die aber sicherlich auch nützlich sind. Damit will ich dich aber nicht langweilen.

 

- Du gibst aber zu, dass auch ich nicht ganz Unrecht habe …


- Gewiss. Schau, die botanische Systematik ist, wie alle Wissenschaften, eine Struktur, die wächst und sich andauernd reorganisiert, genau so wie ein Insekt, das als Raupe frisst und wächst und sich verändert, auch wenn man es nicht unbedingt merkt, um dann beträchtliche Veränderungen durchzumachen und nach mehreren Wachstumsstadien das Aussehen des erwachsenen Insektes zu erreichen. Nur, dass man bei der Wissenschaft noch nie das „Erwachsenenstadium“ erreicht hat. Die Forschung liefert immer neue Erkenntnisse, die sich nicht nur ansammeln, sondern ab und zu tief greifende Reorganisationen des Wissens erfordern (Die Physik liefert dazu herrliche Beispiele). Aber kehren wir zur Taxonomie zurück. In manchen Fällen kommt es vor, dass bestimmte Entscheidungen innerhalb des Bereiches, worin sie entstanden sind, sehr fruchtbar und überzeugend sind und dann ist die Versuchung groß, ihre Anwendung auf „ideologische“ und somit wenig wissenschaftliche Art und Weise zu erweitern. So kommt es vor, dass, nicht nur unnötige Umkombinierungen, sondern auch oberflächliche Revisionen von Gattungen und allmählich von Teilen einer Familie vorgenommen werden. Und dies nur, um die Nomenklatur der Ideologie anzupassen, mit dem typischen Mechanismus den Karren vor die Ochsen zu spannen; aber darauf komme ich bestimmt noch zurück.

 

- Nein, so geht es nicht! Zuerst bringst du den Stein ins Rollen und dann lässt du mich ohne Erklärungen zurück? Nenne mir mindestens ein Beispiel, was du unter ideologischer Taxonomie verstehst!

 

- Also gut, obwohl ich dich gerne sehe und höre, erinnere ich dich daran, dass wir jetzt ein Telefongespräch führen sind und ich werde deshalb versuchen, meine Gedanken kurz zu fassen.
Es gab eine Zeit, in der innerhalb der Familie der Cactaceae ganz ungeniert neue Gattungen ins Leben gerufen wurden. Dabei wurden diese neuen Einteilungen aufgrund von oft schwachen Unterscheidungsmerkmalen vorgenommen und durch Heranziehung von heterogenen Kriterien begründet. Aber wie schwach waren diese Merkmale oder wie stark müssen Unterscheidungsmerkmale sein, um eine neue Gattung aufzustellen? Es ist nicht leicht, innerhalb einer so großen botanischen Familie homogene und allgemein anerkannte Kriterien auszuwählen. Das hat zur Folge, dass auch heute noch die Einschätzungen äußerst subjektiv sind. Heutzutage über die taxonomische Ebene der Gattung zu diskutieren, ist, meiner Meinung nach, dasselbe, wie die Finger freiwillig in eine Falle zu stecken und deshalb fühle ich mich wohler, über den Artbegriff zu diskutieren. Nicht, dass ich etwa behaupten möchte, dass der Begriff der biologischen Art restlos geklärt, unumstritten und ohne offene Fragen wäre. Aber lass uns ein anderes Mal, wenn wir mehr Zeit haben, auf dieses Thema zurückkommen. Kehren wir nun zu unserer Familie der Cactaceae zurück. Mitte der Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lag die Kakteenkunde im Wesentlichen in deutscher Hand und die Zusammenfassung der Familie lag im wichtigen Werk von C. BACKEBERG „Die Cactaceae“ vor. Man kam aber recht bald zur Überzeugung, dass das Bestehen einiger Gattungen schwach begründet war und dasselbe galt für einige Arten. Es wurde so zur Mode (zu einer Art Scheibenschießen), die vorherrschende Ansicht der „Splitter“ (englisches Wort, das jene bezeichnet, die eine sehr detaillierte taxonomische Einteilung bevorzugen) zu verspotten. Es kam so zur Gründung einer Internationalen Organisation für Sukkulenten-Forschung (IOS), die es sich zur Aufgabe machte die Nomenklatur (insbesondere jene der Kakteen) zu vereinfachen, um sie stabiler zu gestalten. Es wird dir einleuchten, dass bereits die Tatsache, sich mit solch einem Ziel zu versammeln, eine ideologische Handlung darstellt. In der Tat stimme ich sehr vielen der Wahlen, die von Mitgliedern der IOS in Bezug auf die Cactaceae getroffen wurden, zu und halte diese Botaniker sicherlich für sehr qualifiziert, was Ausbildung und oft auch was ihren Beruf betrifft (viele sind Biologen, welche in verschiedenen Fächern spezialisiert sind und selbstverständlich einige auch in der Botanik). Aber, dass man sich um einen Tisch setzt, um „zu vereinfachen und stabiler zu gestalten“ passt mir einfach nicht in den Kram, das kann ich nicht akzeptieren! Um das Unternehmen zu rechtfertigen, hieß es, die Familie habe aufgrund der synergetischen Zusammensetzung zweier Effekte eine missgebildete Struktur: Auf der einen Seite das Vorhandensein einer sehr starken Anzahl von Liebhabern und Sammlern und auf der anderen das von aufdringlichen Züchtern. Dies habe zu einem Wuchern von Gattungen, Arten und Varietäten geführt. Niemand kann leugnen, dass beide diese Unstände einen bestimmten Einfluss auf die Aufstellung neuer Gattungen und neuer Arten gehabt haben, aber wie groß war dieser Einfluss? Aus purer Neugierde habe ich mich gefragt: Wie sieht es in den anderen botanischen Familien aus? Auch bei den Orchideen gibt es sehr viele Liebhaber und sehr viele Züchter. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass das Wuchern bei Gattungsnamen, Artnamen und auch auf den unteren taxonomischen Ebenen, noch stärker als bei den Kakteen ist, aber vielleicht liegt es auch in der Natur dieser Familie, dass diese Flut von Namen entstanden ist. Auch unter den Orchideenliebhabern ist eine Debatte zwischen Splitter und Lumper (diejenigen, die so viel Taxa wie nur möglich in einer einzigen Gattung oder Art unterbringen möchten) im Gange und dasselbe könnte man von den Mykologen behaupten, doch noch nie habe ich von der Gründung einer Organisation erfahren, die von den Lumpers vereinnahmt wurde. Vielleicht hatten BACKEBERG und Co. es wirklich übertrieben!
 

- Du hast mich überzeugt, es scheint es, wohl so zu sein! Die Teiler (passt es, wenn wir sie so nennen?) müssen eine ziemliches Durcheinander geschaffen haben!


-  Aus Neugierde habe ich einige Bücher durchgeblättert und habe das Verhältnis R (Gattungen/Arten) bei einigen botanischen Familien bestimmt, die ich hier in alphabetischer Reihenfolge wiedergebe: Agavaceae R = 36; Anacardiaceae R = 7,8; Apocynaceae R = 8,3; Asteraceae R = 22,7; Bignoniaceae R = 7,0; Bombacaceae R = 9,0; Bromeliaceae R = 57; Cactaceae (laut BACKEBERG) R = 9,4.
      Und hier bin ich stehen geblieben. Warum? Weil ich etwas Eigenartiges entdeckt habe. Nicht weniger als drei Familien Agavaceae, Asteraceae und Bromeliaceae zeigen für R (Gattung/Arten) einen Wert, der eindeutig jenen der Familie der Cactaceae überschreitet, obwohl sie wahrscheinlich, aus verschiedenen Gründen genauso wie die Cactaceae dem Druck der Liebhaber und der Züchter ausgesetzt sind. Nicht nur, bei vier Familien ist der Wert eindeutig niedriger (viele Gattungen gegenüber einer geringer Anzahl von Arten) als jener der Cactaceae, obwohl sie schätzungsweise bei Liebhabern deutlich weniger beliebt sind. Deshalb habe ich mich auch gefragt: Warum ist die Gattung Euphorbia, eine der beliebtesten unter den Sukkulentenliebhabern und –züchtern, nicht in viele Gattungen aufgeteilt worden, obwohl sie sehr viele Arten umfasst?


- Glaubst du, mein Lieber, dass jemand ein schmutziges Spiel spielt, um sich durchzusetzen?


- Dies, liebe MARIA, scheint mir eine übertrieben Behauptung, zumindest im Allgemeinen, aber in Zukunft werde ich dir einige Beispiele unterbreiten, die dir Recht zu geben scheinen.