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Der Dorn im Auge 3°

 

DER DORN IM AUGE. 3.

„Unter den Büchern meiner Bibliothek (ich sehe sie mir gerade an) gibt es manche, die ich nicht mehr aufschlagen werde“.
Jorge Luis BORGES

-  LUCIO, das letzte Mal hast du mein Interesse geweckt, sag mir!

- Das erste Beispiel, das ich dir unterbreiten will, liebe MARIA, ist nicht gerade neu und die darin enthaltenen Schlussfolgerungen wurden erst nach langer Zeit teilweise korrigiert. Es handelt sich dabei um die Revision der Gattung Epithelantha, die im fernen Jahr 1978 von C. GLASS und R. FOSTER, zwei seinerzeit sehr bekannten Kakteenliebhabern aus den USA, in der renommiertesten internationalen Zeitschrift „Cactus and Succulent Journal“ publiziert wurde. Die beiden Experten haben mit ihrem gewichtigen und einflussreichen Standpunkt in ihrer „Revision der Gattung Epithelantha“ nicht nur jegliche weitere Vertiefung der Beziehungen unter den verschiedenen Entitäten der Gattung verhindert, sondern infolgedessen auch das Interesse der Liebhaber für solch ein Argument einschlafen lassen. In jener Arbeit haben sie, ohne jegliche Zweifel einzuräumen, die Existenz einer einzigen Art mit sechs Varietäten festgeschrieben und zwar aufgrund der Tatsache, dass „…die Verbreitung dieser Taxa dermaßen begrenzt ist, die Unterschiede so gering sind, dass …“. Im selben Werk haben sie C. BACKEBERG, über den ich dir schon erzählt habe, vorgeworfen, Epithelantha polycephala „… unvernünftigerweise kurz und unvollständig …“ beschrieben zu haben, weil er im Wesentlichen behauptet hatte, dass „ … besagte Entität vom Typ der Gattung durch den stark sprossenden Wuchs und die kleinen Köpfe, die oft nicht dicker als ein Bleistift sind, abweicht….“, ohne die Anzahl der Dornen, andere Größenangaben, die Blüte, die Frucht und die Samen zu erwähnen. Wenn du dir jetzt erwartest, all diese Daten in der Revision der beiden Autoren vorzufinden, wirst du genauso enttäuscht und schockiert sein: von sechs behandelten Entitäten spricht man nur ganz allgemein von Blüten bei den Varietäten micromeris, bokei, unguspina und polycephala; die Früchte werden bei micromeris, bokei und greggii erwähnt, und die Samen nur bei micromeris und greggii. All dies lässt die Vermutung zu, dass die beiden Autoren, nachdem sie sehr viele Populationen in Natur gesehen, aber wahrscheinlich niemals eine Entität aus Samen gezüchtet, bestäubt und fortgepflanzt haben, von einem übertriebenen Verlangen nach Vereinfachung, statt von einem Verlangen nach Beobachtung, geleitet waren. Weiters stellt sich eine Frage: sind für die interne Systematik der Gattung Epithelantha die Blüte, die Frucht und die Samen so wichtig?

- Jetzt ist mir auch die Tatsache klar, dass C. GLASS in anderen Fällen versucht hat, sich Verdienste anzurechnen, die ihm nicht gebührten; es ist derselbe Stil! Aber ich gebe zu, nicht verstanden zu haben, welche die Situation der Gattung Epithelantha vor dem Eingreifen der beiden Amerikaner war.

- In Wirklichkeit gab es nicht „eine“ Situation, so wie es auch jetzt nicht eine Situation gibt, sondern nur mehrere Standpunkte, auch wenn damals der vorherrschende (von C. BACKEBERG) die Existenz von mehreren Arten anerkannte: E. micromeris, E. bokei, E. pachyrhiza, E. polycephala, wobei die erstgenannte Art mehrere Varietäten umfasste: var. micromeris, var. densispina, var. greggii, var. rufispina, var. unguispina. Auch E. pachyrhiza bestand aus zwei Varietäten: var. pachyriza und var. elongata. Die derzeit vorherrschende Auffassung, die in den Büchern von E. F. ANDERSON, The Cactus Family und von D. HUNT, The New Cactus Lexicon, vertreten wird, besagt, dass die Gattung Epithelantha aus den beiden Arten E. bokei und E. micromeris (diese umfasst fünf Unterarten) besteht. Also zwei, womit dem Rechnung getragen wird, was schon seit langem bekannt ist, sei es was die Morphologie der Pflanzen betrifft, als auch die Tatsache, dass sich die „zwei“ Arten einige Habitate teilen, ohne Hybride hervorzubringen.

- Ist das alles?

- Vorerst halten wir fest, dass es einen Trend gibt, vielleicht sogar eine Mode, verschiedene Entitäten unbedingt zusammenzuführen trotz der Gefahr, von den Tatsachen schonungslos widerlegt zu werden. Wäre es nicht besser gewesen vor dem Abschluss der Revision, einige Beobachtungen mehr anzustellen? Und warum sollen C. BACKEBERG Sünden vorgeworfen werden, die dann von C. GLASS und R. FOSTER ebenso begangen wurden?

- Das was du sagst, Lucio, ist alles zwar wahr, aber mir scheint es auf jeden Fall etwas dürftig zu sein!

- Ich kann schon noch einiges hinzufügen! Du sollst wissen, dass es in der Natur Orte gibt, an denen E. greggii und E. pachyrhiza ganz nahe beisammen wachsen (keine 30 Meter voneinander entfernt) ohne Hybriden (Zwischenformen) hervorzubringen; jede der als Unterarten von micromeris behandelten Arten ist eindeutig charakterisiert, sei es was die Morphologie der erwachsenen, wie auch die der jungen Exemplare betrifft und auch in der Mikromorphologie der Dornen. Weiters bestehen auch andere sehr konstante Unterschiede. Dies alles aber nur, wenn man unter E. greggii auch E. rufispina und E. densispina zusammenfasst, bei denen es sich wahrscheinlich um besondere Ökotypen handelt, die auf das rötliche Sandgestein  bzw. auf das weiße, kristalline Kalkgestein, zurückzuführen sind. Ich habe mir die Mühe gemacht zu versuchen, all diese verbliebenen „Unterarten“ von micromeris untereinander zu kreuzen, um herauszufinden, ob sie genetisch kompatibel sind. Vorausgeschickt, dass ich nicht alle möglichen Kombinationen der fünf verschiedenen Unterarten den Tests unterzogen habe, sondern nur E. micromeris × greggii, E. micromeris × polycephala und  E. micromeris × unguispina, und vorausgeschickt, dass die Anzahl der durchgeführten Hybridisierungsversuche gering war (später erkläre ich dir den Grund dafür), nur drei oder vier Blüten pro Versuch, kann ich sagen, dass ich nur aus der Kreuzung von E. micromeris × greggii und von E. micromeris × unguispina Früchte und Samen gewinnen konnte, allerdings nur 2 – 3 Samen pro Frucht, gegenüber den 6 – 7 Samen, die normalerweise gewonnen werden, mit Ausnahme von E. pachyrhiza aus Hipolito, die Früchte mit bis zu 15 Samen hervorbringt. Außerdem waren die Samen von E. micromeris x greggii gelbrötlich: Missgeburten, die ich nicht zur Keimung bringen konnte, was mir nur bei E. micromeris × unguispina gelungen ist, mit zwei kleinen, schwachen Pflänzchen. Du wirst verstehen, dass ich nicht befugt bin, aus diesen wenigen gewonnenen Daten sichere Schlussfolgerungen zu ziehen, aber, wenn ich daraus eine Tendenz ableiten kann, so scheint es mir, dass die untersuchten Entitäten schwerlich als eine einzige Art behandelt werden können.

- Mein Lieber, ich habe schon öfters aus E. greggii und micromeris Hybriden gewonnen! Bist du dessen sicher, was du hier behauptest?

- Ich glaube ja! Deine greggii SB 321, die aus Samen einer Gärtnerei aus den Vereinigten Staaten von Amerika stammt, ist nichts anderes als eine der vielen Formen von micromeris, die im Umlauf sind. Ich glaube, dass ein Grossteil des Durcheinanders, das bei der Gattung Epithelantha herrscht, auf botanisches Material zurück zu führen ist, das weder korrekt klassifiziert, noch mit korrekten Fundortdaten versehen ist. Auch alle italienischen Gärtnereien tragen zur Verbreitung dieser Fehler bei.

- Aber warum hast du nur so wenige Hybridisierungsversuche durchgeführt?

- Zunächst habe ich die Bestäubung von E. micromeris mit Pollen anderer Entitäten unterlassen, da diese zum Unterschied zu den anderen Formen selbst befruchtend ist und regelmäßig Früchte erzeugt. So hätte ich immer nur Samen von micromeris erhalten. Andererseits sind die Blüten so winzig, dass es mir nicht gelungen ist, die Staubfäden zu entfernen ohne die Narbe zu beschädigen. So habe ich mich darauf beschränkt, Pollen von micromeris zu verwenden. Weiters muss bemerkt werden, dass das Perianth einer Blüte, sobald es austrocknet, von den nachwachsenden Dornen im Scheitel der Pflanze heraus geschoben wird und da die eventuelle Frucht zwischen den sehr dicht stehenden Dornen des Scheitels versteckt ist, ist es nicht mehr möglich, eine bestimmte Frucht der Bestäubung zuzuordnen, dies auch in Anbetracht der reichlich erscheinenden Blüten, zehn – zwanzig Blüten pro Körper innerhalb eines Durchmessers von zwei-drei Zentimetern! Die Frucht erscheint dann, nach der Bestäubung, mit einer Verzögerung von einem bis zu sechs-acht Monaten und dies macht das Sammeln von gesicherten Daten noch schwieriger. Schließlich kann es auch vorkommen, dass die Frucht durch das Wachstum der Pflanze, erst ein Jahr nach der Befruchtung in Form eines winzigen, grauen Säckchens, das unerwartet zwischen den Dornen erscheint, ausgeschieden wird.

- Vielleicht, lieber Lucio, waren es gerade diese Schwierigkeiten, die Glass und Foster von  diesen Kontrollen abgehalten haben!

- Kann sein, aber dies rechtfertigt ihre Position in keiner Weise. Sie haben sicherlich einen unberechtigten Schluss gezogen, was E. bokei betrifft und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Bezug auf die anderen Entitäten. Auf jeden Fall aber hätten sie niemals eine Revision und eine Umkombinierung von bokei und auch noch von polycephala durchführen dürfen, ohne ausreichende Elemente dafür zu besitzen. Und an dieser Stelle möchten wir jene Fehler, die von anderen Autoren, die sich in der Vergangenheit mit der Gattung Epithelantha beschäftigt haben, begangen wurden, als verjährt betrachten. Tatsachen, wie diese Revision, haben das Studium für mindestens dreißig Jahr gebremst.

- Ich beginne zu verstehen, es handelt sich nicht um einen Einzelfall?

- Liebe Maria, wenn dies nur ein Einzelfall gewesen wäre, so hätte man ihn als normale Auseinandersetzung von „Zusammenfassern“ und „Teilern“ angesehen, als einen Ausrutscher der Ersten, der erst nach langer Zeit entlarvt wurde. Das nächste Mal werde ich dir weitere Beispiele liefern, die sich bezüglich der Methode und der Schlussfolgerungen ähneln, so dass man den Eindruck gewinnt, dass man innerhalb der üblichen Dialektik von einer Seite her, wissentlich solche Missbräuche begeht!