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Der Dorn im Auge 2°

 


 Zusammenfassung: in diesem Zwiegespräch zwei ersonnene Sukkulentenliebhaber unterhalten sich in kritischer Weise über einige Aspekte der Kakteen-Taxonomie während der letzten 40 Jahre.  Zwiegespräche über den taxonomischen Missbrauch in Bezug auf den Artbegriff von Davide Donati & Carlo Zanovello


Zweite Reihe

 Wir sind der Meinung, dass es keine Gruppe von Menschen gibt, die dermaßen angemessen oder weise ist, dass sie handeln könne, ohne sich der Kontrolle und der Kritik stellen zu müssen.
Wir sind der Meinung, dass die einzige Methode, Fehler zu vermeiden, jene sei, diese zu erkennen und dass die einzige Methode diese zu erkennen, die Freiheit der Forschung sei.
J. Robert OPPENHEIMER

 - Hast du gesehen, meine Liebe? Dein „Häufchen“ war gar kein Kaktus, obwohl es Dornen hatte, genauso wie du mir erzählt hattest. Es war ein Wolfsmilchgewächs (Gattung Euphorbia), die nun leider eingegangen ist. Auf den ersten Blick scheint es, eine seltene E. mosaica gewesen zu sein, wovon jetzt nur mehr eine fast leere, bräunliche Hülle übrig ist. Vielleicht hätte in diesem Falle auch die Kenntnis des Namens nicht zum Überleben Deiner kleinen Pflanze beigetragen, war sie doch so winzig klein, vergilbt und folglich schon von Fäulnis befallen, aber in einer anderen Situation hätte ich dir einen nützlichen Rat geben können, um zumindest einen Teil der Pflanze zu retten.
- Aber warum kehren wir nicht zu deinem so geliebten Thema zurück? Wenn ich mich nicht täusche, so hast du mir letztes Mal versprochen, einige klärende Beispiele über die Taxonomie der Kakteen aufzuzeigen.
- Um genau zu sein Maria, habe ich dir einige Beispiele angekündigt, die augenscheinlich Folgendes beweisen sollten: Um einen bestimmten Zweck zu erreichen hat man auf verzerrte Auslegungen zurückgegriffen, die sich wissenschaftlich als falsch erweisen. Wie du sehen wirst, kann man nicht vorsichtig genug sein.
- Also, dir fehlt der Mut zu deiner Meinung zu stehen und deshalb kannst du der Sache nicht auf den Grund gehen!
- Es tut mir leid, dass du so denkst, du müsstest mich eigentlich gut genug kennen! Wenn ich von Vorsicht spreche, so will ich damit sagen, dass es wissenschaftliche Gebiete und Situationen gibt, bei denen es nicht leicht ist zu erkennen und hingegen sehr leicht ist zu verfälschen. Deshalb muss man in der Diskussion viele Dinge berücksichtigen, die zum Teil auch sehr weit vom Problem, das man lösen möchte,  entfernt zu sein scheinen. In Besonderen, wenn man über den Gebrauch des botanischen Begriffs der Art diskutiert, muss man prüfen, was auch die anderen Biologen meinen, wenn sie von Art sprechen.
- Offensichtlich, lieber Lucio, werden sie damit meinen, dass ein Hund, eine Katze und ein Pferd verschiedenen Arten angehören und dass sie sich deshalb nicht kreuzen können, sie können also keine Nachkommen zeugen, die ihrerseits fruchtbar sind.
- Es ist nicht immer so einfach! Man kann eine Unmenge von Ausnahmen finden und deshalb gibt es noch keine zufrieden stellende Definition der Art, die keine Probleme aufwirft. Stell dir vor, das Linneische Binom wird auch für die Fossilien verwendet, wo offensichtlich keine Hybridisierungsversuche durchgeführt werden können, man bräuchte dazu eine Zeitmaschine oder man müsste jene Wesen auf irgend eine Weise zum Leben erwecken.
- Ich bitte dich, lassen wir die Grenzfälle beiseite!
- Ich habe dir schon gesagt, liebe Maria, dass es eine Unmenge von Ausnahmen gibt! Das was du vorher versucht hast zu erklären, ist im Großen und Ganzen die biologische Definition der Art, die im Wesentlichen folgendes aussagt: Die Gesamtheit der Individuen, die sich untereinander kreuzen, aber nicht mit anderen. Gut, anhand dieser sehr knappen Version, können sehr leicht die Grenzen dieser Sichtweise aufgezeigt werden. Wie ist es zum Beispiel möglich bei den Bakterien von Art zu sprechen, wo die sich bekanntlich durch Zellteilung vermehren?
- Also Lucio, da versuchst du schon Spitzfindigkeiten mit der Laterne des Diogenes zu suchen. Sogar die Bakterien!
- Nicht nur, nicht nur! Es gibt viele andere Organismen, die sich nur ungeschlechtlich fortpflanzen. Die Rädertierchen Bdelloïdea …….
- Wie heißen die?
- Die Rädertierchen Bdelloïdea sind eine große Gruppe von kleinen Lebewesen, die Hunderte von Arten umfasst und die sich alle ungeschlechtlich fortpflanzen und für die die obige Definition also nicht angewandt werden kann.
- Immer nur Mikroorganismen!
- Es sind zwar kleine Organismen, meine Liebe, aber es ist seit langer Zeit bekannt, dass es sich um mehrzellige Lebewesen handelt. Aber wenn du mit der Winzigkeit Probleme hast, so wisse, dass es auch etliche andere Lebewesen mit dem gleichen Fortpflanzungsmechanismus gibt, zum Beispiel auch unter den Käfern und das ist noch nicht alles!
- Aber dann ist diese so genannte biologische Definition völlig nutzlos!
- Nicht ganz! Ich habe diese Beispiele angeführt, um aufzuzeigen, dass solch eine Sichtweise nicht wenige Probleme mit sich bringt. Allerdings, für einen Großteil der zoologischen Welt scheint sie ganz gut zu funktionieren, auch wenn man präzisieren muss, was man in der Definition mit „aber nicht mit anderen“ versteht.
- Aber, lieber Lucio, sind wir nicht von den Pflanzen ausgegangen? Mir scheint wir sind von Thema abgekommen!
- Nur Geduld! Wenn wir obige Definition der biologischen Art eins zu eins ohne weitere Erläuterungen auf die Botanik (und nicht nur) anwenden würden, würde eine Naturkatastrophe geschehen, bei der so viele allgemein anerkannte Arten verschwinden würden, dass man weit über die kühnsten Träume des eingefleischtesten „Zusammenfassers“ (gefällt dir der Ausdruck?) geht oder über den schlimmsten Alptraum deiner Teiler. Vielleicht würde von der Gattung Haworthia nur mehr eine einzige Art übrig bleiben. In solchen Fällen empfiehlt sich für das Pflanzenreich (und nicht nur hier) eine nicht so strenge Auslegung, bei der andere Faktoren (unter ihnen auch der morphologische Aspekt) berücksichtigt werden.
- Und in Bezug auf die Kakteen, was sagt du mir dazu?
- Zum Beispiel hybridisiert Ariocarpus retusus in Kultur sehr leicht mit Ariocarpus bravoanus ssp. hintonii und die Hybriden lassen sich wiederum kreuzen und bringen recht gesunde Exemplare hervor. Daraus könnte man den voreiligen Schluss ziehen, dass die beiden Entitäten der gleichen Art angehören, die in der Natur in verschiedenen Unterarten vorkommt. Dies würde zumindest neue Umkombinierungen notwendig machen. So bekäme A. retusus neue Anhänger. Allerdings stellt man bei einem Besuch der Habitate von hintonii fest, dass auf demselben Hügel (Wölbung des Geländes), keine 100 Meter von hintonii entfernt, auch A. retusus wächst, aber ohne – und dies ist bemerkenswert – Hybriden! Was bedeutet dies? Da zwischen den beiden Entitäten keine Naturhybriden vorkommen (sollte es welche geben, so sind diese selten und deshalb unerheblich), muss es offensichtlich einen Isolierungsmechanismus geben. Dies könnte ein unterschiedlicher Blühzeitpunkt sein (in Kultur neigt hintonii dazu, vor retusus zu blühen) oder ein Bestäuber, der nur die Magentafarbe des hintonii erkennt und nicht die weiße, leicht rosarote Blüte von retusus und deshalb sind wir berechtigt sie als zwei Entitäten zu betrachten, die zwei verschiedenen Arten angehören.
- Du bringst mich durcheinander!
- Ich will damit nur sagen, dass die biologische Definition der Art ein guter Ausgangspunkt ist, doch eine banale Anwendung kann Probleme schaffen. Deshalb kommen zur potenziellen, vorher genannten, Unkreuzbarkeit, welche eine notwendige (aber nicht ausreichende) Bedingung darstellt, andere Kriterien hinzu, die ebenso notwendig sind, wie die Zugehörigkeit zur selben ökologischen Nische oder zur selben adaptiven Zone, das Vorhandensein eines spezifischen Befruchtungssystems oder eines spezifischen Erkennungsmechanismus des potenziellen Partners, das Bilden eines phänotypischen Haufens (cluster) und anderes mehr.
- Lucio, hilf mir, bitte, mit einem Beispiel!
- Was die soeben erwähnten Ariocarpus betrifft, wird der Erkennungsmechanismus des Partners dem Bestäuber übertragen, der in der Natur eine Wahl im Auftrag Dritter vornimmt und die de facto, wahrscheinlich die Kreuzung der beiden Entitäten verhindert. Unter den Tieren gibt es sehr schöne Beispiele. Die beiden Vögel Sturnella neglecta und  S. magna unterscheiden sich lediglich durch den Gesang und bei den beiden europäischen Heuschrecken Chortippus biguttulus und Chortippus brunneus, die morphologisch auch von Experten nicht unterschieden werden können, ist es ebenso nur der Lockruf, der ein Erkennen ermöglicht und so eine Kreuzung zwischen verschiedenen Arten verhindert. Stell dir vor, bei einem Versuch ist es gelungen, ein Weibchen durch die künstliche Wiedergabe des Lockrufes der anderen Art in die Irre zu führen und ein Männchen der anderen Art zu akzeptieren. Das Ergebnis waren gesunde, fortpflanzungsfähige, hybride Nachkommen! Mit dem phänotypischen Haufen ist beim Beispiel der Ariocarpus lediglich gemeint, dass die Merkmale der beiden Arten zwei klar getrennte Haufen bilden (es gibt keine graduelle Abstufung). Was ich dir aber in Wirklichkeit beweisen will, und deshalb habe ich vom Artbegriff gesprochen, ist, dass die Zusammenfasser in manchen Fällen, weit über das Merkmal der biologischen Art hinaus gegangen sind und Entitäten nur auf Grund der morphologischen Ähnlichkeit zusammen geführt haben, die sich gar nicht kreuzen!
- Lucio, das kommt mir jetzt wirklich unglaublich vor!
- Offensichtlich sind nicht alle Lumpers, also die Zusammenfasser, gleich und nicht alle sind gleichermaßen Schuld! Aber pass auf und du wirst sehen, dass ich nicht übertreibe! Besser noch, ich will dir zeigen, dass der Eifer, Arten verschwinden zu lassen, um sie zu Unterarten oder Varietäten (diese taxonomische Kategorie ist unter den Zusammenfasser etwas aus der Mode) zu degradieren oder um sie in die Synonymie zu verbannen, in manchen Fällen, auch vor der systematischen Verleumdung des gegnerischen Gesichtspunktes und der gegnerischen Methode nicht halt macht.